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STREAM 3

Bismuth, Tusche, Buntstift, Graphit auf Arches Papier, Kasette, Rekorder
76 x 57 cm, gerahmt 81 x 61,5 cm
Sound 15:07 min
2021

In der Werkserie „Stream“ wird das Werk als „Subjekt“ wahrgenommen. Es wird gefragt, in welchem Moment ein Bild als abgeschlossen gilt und damit „geboren“ wird.

Bild als abgeschlossen gilt und damit „geboren“ wird. Ausgangspunkt war die Aussage einer Astrologin, dass alle Materie um uns herum eine Art Geburt erlebt und dem spezifischen System von Zeit und Raum unterliegt. Somit stehen auch Geburtsdaten zur Verfügung.

Das westliche System der menschlichen Definition von Geburt beginnt mit der „Materialisierung in der Welt“. In dieser Serie wurde das ostasiatische, traditionelle System genutzt, sodass die Zeitrechnung mit der Empfängnis beginnt. Kinder sind demnach bereits ein Jahr alt, sobald sie geboren werden. Südkorea hat diese Form erst 2023 durch die westliche ersetzt.

Zunächst wurden Zeit und Ort auf das weiße, leere Papier festgehalten, bevor der künstlerische Prozess begann. Anschließend wurde das Bild einer Astrologin zur Erstellung eines Geburtshoroskops übergeben. In einer linearen, medialen Verschränkung wird dieses Horoskop von einer KI-Stimme auf einem Kassettenrekorder vorgetragen. Dabei geht es um Technologien, die sich in einer linearen Entwicklungslinie nicht begegnet sind, die aber Teil einer größeren Entwicklung sind. Spannend sind dabei auch die eigenen Hörgewohnheiten, die sich im Laufe der Zeit ebenfalls weiterentwickelt haben.

Die Arbeit ist während der Corona-Pandemie entstanden, in einer Zeit, in der nach Wahrheit, Evidenz und Realität gesucht wurde, und in der es zu gesellschaftlichen Spaltungen kam. Die Astrologie ist eine Wissenschaft, die auch gegensätzlich wahrgenommen und damit entweder als wahr oder falsch eingestuft wird.

Das Mineral Bismuth wird erst seit 2003, seitdem die hochempfindlichen Geräte erfunden wurden, als radioaktiv gewertet. Allerdings liegt die Halbwertszeit bei 19 Trillionen Jahren ziemlich weit oben. Dem Material selbst liegt somit eine eigene Zeit und Raumachse und Strahlung bei.

...In ihren künstlerischen Arbeiten verbinden und kristallisieren sich die genannten Formen von THETA. Die großformatigen Collagen, die „Horizonte“ und „Augen“ aus Graphit, Aquarell und Salzkristallen und die „Stream“-Bilder, in denen die Künstlerin mit Graphit und dem Metall Bismuth arbeitet, zielen auf eine andere Bewusstseinsebene. Die Artefakte gelten dabei als eigenständige materielle Wesen. Deren Eigenständigkeit fasst die Künstlerin so weit, dass ihr Bild „Stream 3“ (2021) sogar mit seinem „Geburtsdatum“ (23.2.2021, 13:24:56) ein ausführliches Horoskop erhält, das dem Publikum Auskunft über seine Charaktereigenschaften gibt. Ein Horoskop für ein Kunstwerk? Lachen ist willkommen, doch im Gegensatz etwa zu dem Künstlerkollegen Christian Jankowski, der in seiner Videoarbeit „Telemistica“ (1999) italienische Astrolog:innen befragte, ob ihm eine große Karriere als Künstler bevorstünde, ist Adriane Wachholz‘ Vorgehen durchaus nicht ironisch gemeint. Der Bezug zur Astrologie ist eher als experimenteller Teil einer weitergehenden Befragung unserer Zukunft zu verstehen. Sie betrifft nicht nur uns als Menschheit, sondern auch ein gesteigertes Bewusstsein hinsichtlich der Zukunft des Materiellen und damit auch der Artefakte, die in die Welt gesetzt werden.

Auszug des Ausstellungstextes von Alma-Elisa Kittner zu BEING THETA

STREAM 3

wismut, ink, colored pencil, graphite on Arches paper, cassette, recorder
76 x 57 cm, framed 81 x 61,5 cm
sound 15:07 min
2021

...In her artistic works, the aforementioned forms of THETA combine and crystallize. The large-scale collages, the „Horizons“ and „Eyes“ made of graphite, watercolor and salt crystals, and the „Stream“ paintings, in which the artist works with graphite and the metal bismuth, aim at another level of consciousness. The artifacts are thereby regarded as independent material beings. The artist takes their independence so far that her picture „Stream 3“ (2021)

even receives a detailed horoscope with its „date of birth“ (23.2.2021, 13:24:56), which provides the audience with information about its character traits. A horoscope for a work of art? Laughter is welcome, but in contrast to fellow artist Christian Jankowski, for example, who in his video work „Telemistica“ (1999) asked Italian astrologers whether a great career as an artist lay ahead of him, Adriane Wachholz‘s approach is by no means meant ironically. The reference to astrology is rather to be understood as an experimental part of a broader questioning of our future. It concerns not only us as humanity, but also a heightened consciousness regarding the future of the material and thus also of the artifacts that are put into the world.

Excerpt from Alma-Elisa Kittner‘s speech on the exhibition

BEING THETA