Adriane Wachholz – Flood the Zone with Peace
Text von Patrick Blümel
Kurator, Max Ernst Museum Brühl des LVR
Der Kunstverein Linz am Rhein zeigt mit „Flood the Zone with Peace“ Arbeiten der Berliner Künstlerin Adriane Wachholz. Die Ausstellung vereint Malereien, Video- und Audioarbeiten, Zeichnungen sowie neue ortspezifische Rauminstallationen der 1979 in Oppeln, Polen geborenen Künstlerin. In dem immersiven Zusammenspiel unterschiedlichster Medien erforscht Wachholz den realen Raum und erweitert ihn zu vielschichtigen imaginären Denklandschaften. Sie eröffnet Erfahrungsräume, in denen Begriffe wie Zeit, Geburt und Unendlichkeit, Verhüllung und Offenbarung nicht erklärt, sondern sinnlich erfahrbar und vieldeutig verhandelt werden – jenseits sprachlicher oder formelhafter Festschreibungen.
Der Titel der Ausstellung reagiert auf ein berüchtigtes Zitat des ehemaligen Trump-Beraters Steve Bannon von 2018: „Flood the zone with shit.“ Gemeint ist damit die gezielte mediale Überflutung mit Desinformation, um Orientierung zu verhindern und Vertrauen zu untergraben. In einer Zeit, in der soziale Medien zunehmend zur Waffe gegen Wahrnehmung und Wahrheit werden, formuliert Wachholz in ihrer Ausstellung eine künstlerische Gegenbewegung. Was bleibt, wenn man der Flut standhält? Wenn Desorientierung nicht mehr greift, Angstmache ins Leere läuft? Die Künstlerin stellt diese Fragen nicht mit Parolen, sondern mit mehrdeutigen Bild- und Denkräumen, die sowohl individuelle als auch kollektive Vorstellungen aktivieren und eine direkte Aufforderung zur Interaktion sind. An die Stelle von Ablenkung, Überforderung und Machtlosigkeit treten Reflexion, Dialog und Gemeinschaft.
HEITERE RUNDE
Acryl, Graphit, Tusche, Aquarellbuntstift auf Spiegel, gerahmt MDF
acrylic, graphite, ink, watercolour pencil on mirror, framed MDF
60 x 40 cm
2025
Foto: Ines Langs
WIND IM HAAR
Acryl, Graphit, Tusche, Aquarellbuntstift auf Spiegel, gerahmt MDF
acrylic, graphite, ink, watercolor pencil on mirror, framed MDF
60 x 40 cm
2025
Foto: Ines Langs
Der Begriff „Flut“ ist von tiefer Ambivalenz geprägt – er steht zugleich für Zerstörung und für Erneuerung. Vor dem Hintergrund aktueller Geschehnisse dominiert in unserem Bewusstsein häufig der bedrohliche Aspekt: Fluten gelten als Sinnbild für die Auswirkungen der Klimakrise – steigende Meeresspiegel, Überschwemmungen, zerstörte Lebensräume, menschliches Leid. In dieser Lesart ist die Flut eine unkontrollierbare Naturgewalt, die die Lebensrealität des Menschen erschüttert und dringlich auf ökologische und politische Verantwortung verweist.
Doch historisch gesehen hat die Flut auch andere Bedeutungen. In vielen Kulturen galt sie als zyklisches, lebenspendendes Ereignis – etwa die jährliche Nilflut, die Ägypten fruchtbare Böden bescherte und somit zur Grundlage einer Hochkultur wurde. Auch in Mythen und Religionen – von der Sintflut in der Bibel bis zu Fluterzählungen in Mesopotamien oder Indien – steht sie nicht nur für Strafe oder Reinigung, sondern auch für einen Neuanfang, für die Möglichkeit von Erneuerung nach dem Untergang.
Diese doppelte Bedeutung – zerstörerisch und schöpferisch zugleich – macht die Flut zu einem starken Symbol für Wandlungsprozesse, für das Ende alter Ordnungen und den Beginn neuer Beziehungen. Gerade im Zeitalter des Anthropozäns, in dem der Mensch zum dominierenden Einflussfaktor auf Klima, Umwelt und biologische Systeme der Erde geworden ist, fordert uns diese Ambivalenz heraus, über unser Verhältnis zur Natur nicht nur in Kategorien von Kontrolle und Angst, sondern auch von Wandel und Verantwortung nachzudenken.
Die Ausstellung „Flood the Zone with Peace“ widmet sich intensiv dieser Komplexität des Begriffs. Die Flut ist für die Künstlerin kein eindimensionales Bild eines Naturphänomens, sondern ein komplexes poetisches, philosophisches und politisches Konzept, das sich durch ihr gesamtes künstlerisches Schaffen zu ziehen scheint. Fluten sind für Wachholz Bewegungen, Übergänge, Zustände der Transformation, die sowohl im materiellen als auch im geistigen und sozialen Raum stattfinden.
Der Ausstellungstitel wird hier zum integralen Teil des kreativen Prozesses der Künstlerin. Er eröffnet einen Resonanzraum und lässt Assoziationen zu, die im weiteren Arbeitsprozess verhandelt werden. Dabei setzt Wachholz bewusst nicht auf plakative Botschaften oder klare Statements, sondern schafft Erfahrungsräume, in denen die Betrachter*innen eingeladen sind, sich emotional, körperlich und gedanklich selbst zu positionieren.
Der Ausstellungstitel ist somit nicht nur beschreibender, sondern vor allem mitgestaltender Teil der Ausstellung: Er nimmt das destruktive Bild der „Flutung“ von Bannon auf, aber kontert es mit einem Begriff, der kollektiv von uns allen ausgestaltet werden muss: Frieden. Was passiert, wenn man einen toxisch überfluteten Raum nicht nur trockenlegt, sondern gemeinsam neu befüllt?
(... weiter im Handout)
Foto: Ines Langs
BLEUXIEME
Acryl, Acrylmarker auf Leinwand
acrylic, acrylic marker on canvas
270 x 177 cm
2025
BLICKT DICH
Tusche, Graphit, Buntstift, Tonpapier, Textilfäden
ink, graphite, color crayon on paper, colored paper, textile threads
Maße variabel | size variable
2025
URSPRUNG DER WELT
HD-Videoprojektion
Dauer: 10:10 min
2025
KREISENDE ERREGUNG
Acryl, Graphit, Tusche, Aquarellbuntstift auf Spiegel, MDF Rahmung
acrylic, graphite, ink, watercolor crayon on mirror, MDF frame
105 x 100 cm
2025
Foto: Ines Langs